Project Description

Du gehörst dazu. Das große Buch der Familien

In dem Buch „Du gehörst dazu. Das große Buch der Familien“ geht es nicht um „Anderssein“, wie häufig in Publikationen, die Kindern Toleranz und Akzeptanz nahebringen möchten, sondern es wird sprachlich wie bildlich eine ganz selbstverständliche gesellschaftliche Vielfalt erzeugt.

Das Buch beginnt mit der Aussage, dass „vor langer, langer Zeit“ Familien in Büchern fast immer auf dieselbe Art und Weise zu sehen waren. Dazu das Bild einer weißen Familie bestehend aus Vater, Mutter, Junge, Mädchen, Hund und Katze sowie Häuschen mit Garten.

Mit dieser Darstellungsart räumt „Das große Buch der Familien“ auf, denn „im echten Leben“ sehen Familien so nicht aus oder zumindest existieren viel mehr Konstellationen als die der heteronormativen bürgerlichen Kleinfamilie. Hier wird über Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche Elternpaare und Adoption gesprochen, man sieht große und kleine Familien, Familien unterschiedlicher Hautfarben oder Herkunft und Patchworkfamilien. Zusätzlich werden das Umfeld und der Alltag von Familien behandelt. Jede Seite widmet sich einem Thema wie Zuhause, Schule, Ferien, Essen und so weiter. Auch dabei wird von Stereotypen und Vorurteilen Abstand genommen. Beispielsweise sieht man Väter kochend, strickend oder weinend und wenn davon erzählt wird, dass manchmal nur ein Elternteil zur Arbeit geht, sieht man auf der dazugehörigen Zeichnung die Mutter mit Aktentasche zur Arbeit eilen.

Ebenso werden soziale Missstände und Unterschiede erwähnt. Beim Thema Zuhause erfahren die Kinder, dass es auch Obdachlosigkeit gibt oder im Bereich Ferien heißt es, dass nicht jede Familie sich eine Reise leisten kann und schon ein Wochenende zu Hause „ein kleiner Urlaub“ sein kann. Sogar einen Anflug der Gender-Thematik kann man in der Rubrik Kleider erkennen, wo zum Bild eines Jungen im rosa Kleid geschrieben steht, dass manche einfach anziehen „was ihnen gefällt“. Später werden verschiedene Feste und Feiern genannt. Bei Worten wie Diwali, Eid al-Adha oder Chanukka werden bei dem einen oder anderen Kind bestimmt Fragen auftauchen und es wird ermuntert, mehr zu den unterschiedlichen Traditionen in Erfahrung zu bringen.

Generell lädt dieses Buch die Leser/innen zur Auseinandersetzung mit sich, der eigenen Familie und der Umwelt ein. Der Themenbereich Gefühle kann vielleicht Anlass sein, mit dem Kind mal wieder über sein Befinden in diversen Situationen ins Gespräch zu kommen oder auch über eigene Sorgen, Freude oder Ärger zu sprechen. Kurz bevor das Buch endet, werden die Kinder angeregt, einen eigenen Familienstammbaum zu malen. Eine gute Idee, um sich praktischer und anschaulicher mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen. Die letzte Seite fasst zusammen, wie unterschiedlich Familien sein können und weist mit der Frage: „Wie ist deine Familie heute?“ auch darauf hin, dass jede Familie wandelbar ist, Entwicklungen unterliegt und womöglich nicht auf Dauer „groß, klein, glücklich, traurig, reich, arm, laut, leise, brummig, gutgelaunt, besorgt oder unbekümmert“ sein wird.

Der Verlag empfiehlt „Das große Buch der Familien“ für Kinder zwischen vier und sechs Jahren. Ich denke, man kann etwas früher schon damit Freude haben. Ab Beginn des Vorlese-Alters ist dieses Buch geeignet und im Grunde schon fast ein Muss. Gerade auch in Kindereinrichtungen sollte ein solches Buch aufgenommen werden. Es behandelt viele Facetten unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und versucht jede/n mit einzuschließen. Die konventionellen Illustrationen sind respektvoll und realitätsnah gezeichnet. Mit seinen kurzen, einfachen und dadurch prägnanten Sätzen ist dieses Buch auch für Erst-Leser/innen in den ersten beiden Klassen noch sehr gut geeignet. Es ließe sich gut in den Unterricht einbauen, ob zum Lesen üben und für erste Schreibversuche über die eigene Familie oder Gespräche im Ethikunterricht.

„Das Große Buch der Familien“ ist ein Sachbuch für Kinder, es wird keine Geschichte erzählt, sondern ein Überblick zum Thema Familie geboten. Dabei ist es nicht trocken, sondern sehr kindgerecht und mit viel Humor und charmanten Details ausgestattet. Beispielsweise hat jede Seite noch einen themenbezogenen Rahmen aus kleinen, speziellen, symbolhaften Zeichnungen. Es gibt viel zu entdecken, sodass die zusätzlich eingebaute Aufgabe, eine Katze auf jeder Seite wiederzufinden und deren Namen zu erraten schon fast überflüssig ist. Aber somit lässt sich dieses Buch zumindest noch einmal unter einem ganz anderen Gesichtspunkt durchsehen und da es ohne Hauptfigur auskommt, kann diese Katze gegebenenfalls als verbindendes Ersatzelement fungieren.

Die britische Autorin Mary Hoffman ist Verfasserin zahlreicher Kinder- und Jugendbücher, mehr als 90 Titel sind nach eigenen Angaben von ihr geschrieben worden. Unter anderem stammt von ihr das Bilderbuch „Amazing Grace“ (in Deutschland 1999 unter dem Titel „Erstaunliche Grace“ im Alibaba Verlag erschienen), in welchem Geschlechterstereotype und latente rassistische Denkweisen hinterfragt werden. Die Italien-Leidenschaft der 67-jährigen Schriftstellerin findet sich in der erfolgreichen Fantasy-Serie „Stravaganza“ (auf Deutsch im Arena Verlag erschienen) wieder. Ros Asquith ist ebenfalls Britin, hat mehr als 60 Bücher für junge Leute als Autorin oder Illustratorin veröffentlicht und zeichnete 20 Jahre lang Cartoons für den „Guardian“. Diesen Bezug erkennt man in ihren Illustrationen für „Du gehörst dazu“. Die Zeichnungen sind cartoonartig, oft witzig, teilweise mit eigenen kleinen Dialogen unterlegt, aber auch der kritische und satirische Ansatz dieser Kunstform ist in einigen Grafiken zu sehen.

Das Buch wurde 2010 erstmals veröffentlicht, ist in insgesamt 12 Sprachen erschienen und erhielt 2011 den Information Book Award der School Library Association. Der Titelzusatz „Du gehörst dazu“ der deutschen Ausgabe ist, wenn er sich in seiner Lesart an jedes Kind richtet und nicht nur an vermeintlich „Andere“ oder „Außergewöhnliche“ legitim und unterstreicht die Intention des Gesamtwerkes, Abgrenzungen im Kopf, in Büchern und als Ergebnis hoffentlich im Miteinander entgegenzuwirken. Mit Büchern wie diesem kann man Kindern von klein auf eine Unterstützung zur Entwicklung positiver Selbst- und Fremdkonzepte an die Seite stellen.

Diese Rezension stammt von Katja Musafiri von der Seite www.kritisch-lesen.de